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Ungewollte Entdemokratisierung durch Mangel an Mathematik

  • Jörg Kunze
  • 16. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Ungewollte Entdemokratisierung durch Mangel an Mathematik


Das Paradoxon der Sichtbarkeit

Es ist ein bizarres Phänomen unserer Zeit: Während wir in Talkshows und sozialen Medien Wert auf Bildung und Differenzierung legen, gehört ein Bekenntnis fast schon zum guten Ton: „In Mathe war ich schon immer eine Niete.“ Prominente, Politiker und Meinungsmacher brüsten sich geradezu mit ihrer mathematischen Unkenntnis.

Man muss sich die Absurdität vor Augen führen: Niemand würde öffentlich damit kokettieren, schlecht Auto zu fahren, keine Ahnung von Kindererziehung zu haben oder nicht lesen zu können. Doch bei der Mathematik – der Sprache, die unsere moderne Welt im Innersten zusammenhält – gilt Ignoranz als sympathische menschliche Schwäche. Ich halte das für eine gefährliche Fehleinschätzung.


Die Fakten: Ein Fundament erodiert

Dieser subjektive Eindruck von der „Mathe-Niete“ wird durch objektive Daten untermauert. Die Evidenzen für einen massiven Rückgang mathematischer Fähigkeiten sind alarmierend:

  • Laut dem IQB-Bildungstrend erzielen Neuntklässler in Deutschland so schlechte Ergebnisse wie nie zuvor; etwa ein Drittel verfehlt die Mindeststandards für den Mittleren Schulabschluss.

  • Die PISA-Studien zeigen einen kontinuierlichen Abwärtstrend: Die Gruppe der besonders leistungsstarken Schüler schrumpft, während der Anteil derer, die das Mindestniveau nicht erreichen, wächst.

  • Hochschulprofessoren kritisieren seit Jahren, dass Studienanfänger zwar oberflächliche Rechenverfahren beherrschen, aber unfähig sind, mathematische Probleme zu formalisieren oder strukturell zu durchdringen.

Wir haben uns im Bildungswesen auf die Vermittlung von „Alltagskompetenzen“ (wie das Ausrechnen von Prozenten beim Gehalt) zurückgezogen und dabei das Verständnis für mathematische Strukturen geopfert. Doch genau hier liegt die Gefahr.


Die wachsende Macht der Blackbox

Während das mathematische Fundament der Gesellschaft erodiert, passiert auf der anderen Seite das Gegenteil: Die Bedeutung der Mathematik explodiert.

  • Data Science und KI steuern heute, wer einen Kredit bekommt, welche Nachrichten wir sehen und wie Versicherungsrisiken bewertet werden.

  • Statistik und Modellierungen sind zur Grundlage der Weltherrschaft geworden – von der Pandemiebekämpfung bis zur Klimaprognose.

Wir steuern auf eine Blackbox-Gesellschaft zu. Wenn die Fähigkeit, Algorithmen und statistische Modelle kritisch zu hinterfragen, nur noch bei einer winzigen, hochspezialisierten Elite konzentriert ist, verlieren wir die demokratische Kontrollfähigkeit.


Fazit: Mathematik als Werkzeug der Freiheit

In meinen Projekten als Requirements Engineer und Analyst erlebe ich täglich, dass mathematisches Denken weit mehr ist als Rechnen. Es ist die Fähigkeit, Unklarheiten zu orten, komplexe Zusammenhänge zu entkoppeln und logische Konsistenz zu prüfen.

Die Schere zwischen der wachsenden Macht der Algorithmen und der schwindenden mathematischen Urteilskraft der breiten Masse führt zu einer ungewollten Entdemokratisierung. Wenn wir die Welt nicht mehr verstehen, die uns steuert, begeben wir uns sehenden Auges in die Abhängigkeit von bisher ungekannten Wissenskonzentraten.

Wir müssen aufhören, Stolz auf mathematische Ignoranz zu sein. Mathematische Bildung ist kein akademischer Selbstzweck – sie ist in einer digitalisierten Welt eine Grundvoraussetzung für Mündigkeit und den Erhalt unserer Demokratie.


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