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Das Regulierungs-Paradoxon: Warum Compliance in der Versicherung keine Fortschrittsbremse, sondern ein Katalysator ist

  • Jörg Kunze
  • 19. Dez. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Einleitung: Das Rätsel der schwindenden Produktivität

In der Versicherungsbranche herrscht derzeit eine hitzige Debatte: Warum stagniert die Produktivität, obwohl wir seit Jahrzehnten massiv in die Digitalisierung investieren? Sucht man nach Ursachen, landet man schnell bei politisch gefärbten Erklärungsmodellen – die einen machen den Fachkräftemangel verantwortlich, die anderen die „Überregulierung“. Doch die Wahrheit ist: Verlässliche Datenquellen, die das komplexe Geflecht aus Marktdynamik, IT-Legacy und gesetzlichen Anforderungen objektiv entwirren, fehlen uns schlichtweg. Es gibt Einflussfaktoren, die wir heute vermutlich noch gar nicht beim Namen nennen können.


Das Paradoxon: Wo bleibt der Digitalisierungs-Gewinn?

Es ist kaum vermittelbar: Wir automatisieren Prozesse, führen KI ein und vereinfachen Schnittstellen – und dennoch scheint der Produktivitätsgewinn vollständig von der Regulatorik „aufgefressen“ zu werden. Aber stimmt das wirklich?

Wenn wir ehrlich sind: Die Umsetzung neuer Gesetze (wie zuletzt die DSGVO oder aktuell DORA) wird oft mit hohem Aufwand durch externe Berater gestemmt. Ist das System aber erst einmal implementiert, ist die laufende Belastung für die Stammbelegschaft in der Regel keineswegs exorbitant. Warum also fühlt es sich so an, als würden wir auf der Stelle treten?


Der Perspektivwechsel: Regulierung als Chance begreifen

Vielleicht liegt der Fehler in unserer Sichtweise. Wenn wir Regulatorik nur als finanziellen und produktiven Schaden betrachten, verpassen wir die Chance zur Weiterentwicklung. Es ist an der Zeit, Compliance als strategisches Werkzeug für operative Exzellenz zu nutzen.

Drei Beispiele, wie regulatorischer Zwang zum Wettbewerbsvorteil wird:

  1. IKS als Basis für Prozess-Exzellenz: Der gesetzlich vorgeschriebene Aufbau eines Internen Kontrollsystems (IKS) wird oft als bürokratisches Monster gesehen. Doch richtig genutzt, entsteht dabei ein strukturierter, BPMN-konformer Prozesskatalog. Dieser Katalog ist die Goldmine für jedes andere Vorhaben im Unternehmen – von der Prozessautomatisierung bis hin zum Onboarding neuer Mitarbeiter.

  2. Nachhaltigkeit als Marken-Turbo: Die Beschäftigung mit Nachhaltigkeitsvorgaben (CSRD) zwingt uns dazu, ineffiziente „Altlasten“ in der Wertschöpfungskette zu identifizieren und abzuschaffen. Ein Unternehmen, das hier konsequent aufräumt, gewinnt nicht nur an Effizienz, sondern kann seine Bemühungen öffentlichkeitswirksam und glaubwürdig zur Stärkung der Marke nutzen.

  3. Resilienz (DORA) als Investitionsschutz: Bei der Cybersicherheit stellt sich die Frage: Was ist teurer? Die Umsetzung von DORA-Vorgaben oder der Schaden durch eine erfolgreiche Cyberattacke? In einer ehrlichen Rechnung müssten wir die Investitionskosten gegen die eingesparten potenziellen Millionenschäden aufrechnen. Cyber-Resilienz ist heute kein „Nice-to-have“ mehr, sondern eine Überlebensversicherung.


Fazit: Weg vom Reagieren, hin zum Gestalten

Wir sollten aufhören, Regulierung nur als Last zu beklagen. Wer regulatorische Vorgaben klug in seine Unternehmensstrategie integriert, baut nicht nur Compliance-Hürden ab, sondern modernisiert gleichzeitig seine gesamte Organisation.

Die Frage ist also nicht: „Wie viel hält uns die Regulierung auf?“, sondern: „Wie nutzen wir die Regulierung, um schneller und sicherer voranzukommen?“


In meinen Projekten habe ich oft erlebt, dass ein sauber dokumentierter Prozesskatalog für das IKS plötzlich Helfer für ganz andere Aufgaben wurde.“


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